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Fahnen Kössinger, 23.06.2017 um 12:11 Uhr

Schuluniform – ja oder nein?

Die Diskussion um das Tragen von einheitlicher Kleidung in Kindergarten und Schule ist fast so alt wie das Schulsystem selbst. In Großbritannien tragen Schüler schon seit der Herrschaft Heinrichs VIII, also seit Beginn des 16. Jahrhunderts, einheitliche Schulkleidung. Die Christ’s Hospital School in London war die erste Schule in Europa, deren Schüler in Einheitskleidung zum Unterricht erscheinen mussten. Die staatlich geförderte Schule wollte auch Kindern aus ärmeren Familien eine bessere Schulbildung ermöglichen. Dass die Farbe blau bei Schulkleidung in England und seinen Kolonien bis heute am weitesten verbreitet ist, reicht in diese Zeit zurück. Blau war seinerzeit die günstigste Textilfarbe und stand deshalb auch gleichzeitig für Demut und Bescheidenheit.
Eliteschulen wie Cambridge dagegen wollten durch einheitliche Schuluniformen die geistige Überlegenheit und Zusammengehörigkeit ihrer Schüler zum Ausdruck bringen.

Was spricht nun für die Einführung einheitlicher Schulkleidung, wie sie Heinrich VIII bereits propagierte?

Studien belegen, dass sich das Zusammengehörigkeitsgefühl und Gemeinschaftsgefüge der SchülerInnen verstärkt, wenn sie nicht in ihrer privaten Kleidung in der Klasse sitzen. Teamgeist wird gefördert, wenn sich nicht anhand der Markenjeans oder der billigen Discounter-Hose bereits die sozialen Unterschiede abzeichnen. Die finanzielle Situation des Elternhauses wird unwichtig, das gegenseitige Übertrumpfen durch stylische Designerklamotten oder der Ausdruck diverser Lebensanschauungen wie Gothic, Punk oder Emo sind allein durch die Kleidung nicht mehr möglich. Psychologen sprechen davon, dass sich die charakterliche Individualität dadurch verstärkt, die SchülerInnen also ihre Ansichten und Lebenseinstellung direkter ausdrücken müssen. Die Wertigkeit verschiebt sich vom Äußeren mehr zur Persönlichkeit.
Auch der Sicherheitsgedanke spielt seit einigen Jahren bei der Diskussion eine Rolle. Schulfremde Personen lassen sich leichter ausmachen und auf ihre Berechtigung zum Aufenthalt im Gebäude ansprechen.
Und, um das Pragmatische nicht außen vor zu lassen - es spart doch erheblich an Zeit, wenn man frühmorgens nicht überlegen muss, welches Outfit man zur Schule tragen möchte, um möglichst schick zu sein. Auch die Ablenkung durch modischen Wettbewerb oder die Ablenkung durch aufreizende Kleidung entfällt.

Wo bleibt aber das Persönlichkeitsrecht des Einzelnen?

Das stärkste Argument gegen das Tragen einheitlicher Schulkleidung ist die Angst vor einer Verletzung des Persönlichkeitsrechts des Einzelnen. Niemandem sollte es verwehrt sein, sich so anzuziehen, wie er oder sie es möchte. Die Gegner gehen sogar so weit zu behaupten, dass gerade der an sich positive Teamgeist so verstärkt werden könnte, dass es zu einer Ausgrenzung derjenigen Mitschüler kommt, die sich kulturell, geistig oder körperlich von der Masse unterscheiden. So wie die Pro-Uniform Fraktion die sich verstärkende charakterliche Individualität positiv sieht, hält das Contra-Lager eben diese für gefährlich, weil sie zu extremen Reaktionen gegenüber einzelnen Mitschülern führen könnte. Auch in einer Armee schützt die Uniformierung nicht vor Mobbing und Ausgrenzung. Gerade in Deutschland ist aus historischer Sicht das Uniformtragen immer noch negativ behaftet. Elitegedanken einzelner Schulen könnten verstärkt werden.
Abbildung moderner Schulbekleidung kann auch Modern sein

Gibt es einen Kompromiss?

Einheitliche Schulkleidung heißt ja nicht zwangsläufig blauer Faltenrock, graue Stoffhose, weißes Hemd und Bluse und eventuell noch die Krawatte mit Schulemblem – so, wie man es aus englischen Schulen kennt. Auch T-Shirts in den Schulfarben, Polos mit dem darauf gestickten Schullogo oder Jacken mit dem Namen der Schule auf den Rücken gedruckt erlauben eine Identifikation mit der jeweiligen Schule oder dem Kindergarten. Solche Kleidung, häufig unter dem Begriff Fashion for Groups beworben, ist bequem, kommt der privaten Garderobe sehr nah und erinnert nicht gleich an eine steife Uniform. Lässt man den SchülerInnen die Wahl, welche Farbe oder welches Kleidungsstück aus einem Fundus er oder sie tragen möchte, empfindet niemand mehr Zwang oder fühlt sich unwohl, wenn nicht die eigenen Klamotten angezogen werden dürfen.

Dress Codes

Bei dieser Variante der einheitlichen Garderobe geht es um allgemeine Vorschriften zum Stil der Kleidungsstücke, ihren Farben, den Schnitt und eventuell die Rock- und Hosenlänge. Auch in bestimmten Geschäftszweigen, so z.B. bei Banken, existieren Dress-Codes, die die Auswahl bei der Bekleidung doch mehr oder weniger stark einschränken.

Individualität trotz Schulkleidung

Zahllose Online-Shops bieten für Kindergärten und Schulen eigens zusammengestellte Kollektionen an, die durch Stickerei, Beflockung und Bedruckung individualisiert werden können. Die Auswahl an Kleidungsstücken reicht vom Baseballcap bis zum T-Shirt, vom Polo bis zur Funktionsjacke. Durch die Veredelung mit Text und Logo erhalten die Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit, sich mit ihrer Schule zu identifizieren. Aber auch die Lehranstalten profitieren davon, wenn sie sich nach Außen hin durch peppige Schulkleidung als modernes Institut präsentieren. So bleibt die Individualität gewahrt, und doch wird der Teamgeist gestärkt.
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